Zwischen Fels und Vertrauen
Am ersten Oktoberwochenende war ich mit Freunden in der Schweiz klettern. Wir hatten ein AirBnB gemietet, von dem aus wir ins Klettergebiet starteten. Schon die Anfahrt war ein Erlebnis. In der Ferne konnten wir das schon beschneite Alpenpanorama sehen. Berge sind einfach toll.
Wir waren zwei Seilschaften. Vorab hatten wir überlegt, wer welche Seillängen vorsteigen würde. Da meine Freundin nach längerer Pause wieder ins Klettern fand, übernahm ich die anspruchsvolleren Längen. Ich war schon seit einer Weile wieder regelmäßig in der Halle klettern und wusste, dass das technisch kein Problem wäre.
Aber draußen ist nicht drinnen. Draußen klettert der Kopf mit. In der Halle ist der Weg vorgegeben, die Abständen zwischen den Sicherungspunkten sind kurz. Komfort also. Draußen musst du durch probieren schauen, welcher Griff und welcher Tritt für dich taugt. Die Abstände der Sicherungspunkte sind auch andere. Also alles in allem – mein Kopf befindet sich dort außerhalb meiner Komfortzone.
In der vierten Seillänge kam sie dann, die Herausforderung. Ich stand sehr komfortabel in einem Riss/Kamin. Von dort sah ich den weiteren Verlauf: links über eine bauchige Wand, weit draußen, der nächste Haken in einiger Entfernung. Puh. Das war herausfordernd.
Sich aus diesem gemütlichen Riss herauslehnen und einen großen Schritt hinüber auf den Bauch der Felswand machen. Das war es, was es nun brauchte. Das war nun wirklich nicht meine Komfortzone.
Gleichzeitig wusste ich, dass ich das kann. Da stand ich nun eine Weile, irgendwo zwischen Mut und Angst. Aber es half nichts. Nachdenken brachte nun nichts mehr. Es fehlte der wahrhaftige nächste Schritt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich schaute genau, wo ich gut stehen kann, prüfte Stellen zum Greifen, knüpfte innerlich immer wieder an mein Vertrauen und Wissen an, dass ich das kann. Dann machte ich endlich den Schritt, schaffte die Stelle leicht und konnte weiter klettern.
Und es hatte sich gelohnt. Das Ende der Seillänge lag an auf einem ausgesetzten Felskopf. Ich band mich in den Standplatz ein und bereitete alles für das Nachsichern vor. Dann drehte ich mich um und wurde mit einem Ausblick belohnt – wirklich irre. Ich stand dort oben und war so glücklich darüber, dass ich es geschafft hatte. Ich stand dort oben, konnte das ganze Tal sehen und das Alpenpanorama. Ich stand dort oben und hatte mir das alles selbst erarbeitet.
Es war ein wahnsinnig erhabener Moment. Ich schrie vor Glück, mir kullerten die Tränen. Ich hatte es geschafft. Nicht nur die Stelle, sondern auch etwas in mir. Ich war mir selbst ein Stück nähergekommen. Nach längerer Zeit im Trubel des Lebens konnte ich mich wieder spüren.




Der Abstieg führte uns über den Gipfel, wo wir noch den Sonnenuntergang sahen. Wolken zogen in die Berge, der Himmel färbte sich golden. Im Dunkeln erreichten wir das Auto – nach über zehn Stunden unterwegs. Das war ein langer Tag. Aber ich war tief befriedet. Mein Kopf war leer. Kein Gedanke zu viel. Eine friedliche Erschöpfung. Innere Stille. Herrlich.
Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern ihr Raum zu geben und trotzdem den Schritt zu tun. Zwischen Komfortzone und Vertrauen liegt der Ort, an dem ich mir selbst begegnet bin.
einige Fragen zum Reflektieren:
- Wann habe ich zuletzt meine Komfortzone verlassen – und was habe ich dabei über mich gelernt?
- Wo weiß ich eigentlich, dass ich es kann, aber mein Kopf hält mich noch zurück?
- Wo finde ich im Alltag kleine „Bergmomente“, die mich an dieses Gefühl erinnern?
von Herz zu Herz, Belinda


