Über die Geduld
Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und
dann gebären…Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…Man muss Geduld haben
Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.
Rainer Maria Rilke, Viareggio bei Pisa (Italien), am 23. April 1903
Ich liebe diese Worte von Rilke. Weil sie mich an viele, ja Tugenden erinnern, die ich in schwierigen Zeiten immer wieder vergesse. In Zeiten in denen ich meine Ohnmacht erkennen muss. Aushalten muss, dass ich keine Kontrolle habe. Mit Situationen umgehen muss, die ich nicht verändern kann.
„Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen…“
Ich bin so oft ungeduldig. So oft will ich sofort Antworten finden, will, dass sich etwas klärt, sich bewegt, schneller geht. Aber Rilke erinnert mich wieder daran: Alles hat seine Zeit. Alles möchte reifen – wie der Baum, der keine Angst hat vor dem Frühlingssturm, der keine Angst hat, dass der Sommer nicht kommt.
Der Baum vertraut.
Ich erinnere mich bei Rilkes Einladung daran, dass Geduld keine Schwäche ist. Sie ist ein stiller, starker Raum. Ein Raum, in dem Dinge wachsen dürfen, ohne Druck, ohne Eile.
Und dann das Bild der Fragen. Ich liebe es, Fragen zu stellen.
Die Fragen, die sich mir jedoch stellen, möchte ich doch recht schnell beantwortet haben bzw. eben eine Antwort darauf finden. Rilke sagt: Hab Geduld mit diesen Fragen. Habe sie lieb. Lass sie da sein. Sie sind nicht deine Feinde. Vielleicht sind sie Stuben, in denen es noch kalt ist, oder Bücher, die in einer Sprache geschrieben sind, die du noch nicht verstehst. Aber irgendwann, eines fremden Tages, wirst du die Antworten finden. Oder besser noch: Du wirst in die Antworten hineinleben.
Ich habe es schon oft erlebt. Das sich eines Tages entweder etwas aufgelöst hat oder ich die Antwort hatte. Ohne in diesem Moment aktiv etwas dazu getan zu haben. Die Auflösung oder die Antworte entsteht durch den Prozess, wenn ich die Frage bewege.
UND das aller coolste ist – Wusstest du, dass du nur Fragen stellen kannst, wenn du weißt, dass es eine Antwort gibt? Gut oder?
Ich muss nicht alles wissen, nicht alles jetzt lösen. Geduld und Vertrauen helfen.
Ich darf einfach sein. Und ich darf meinem Herzen vertrauen, dass es seinen Weg kennt und auch die Antwort.
Dieser Text hat mich erinnert. An mein Herz. An die Geduld, die in mir liegt, auch wenn ich sie oft überhöre. Und an das Vertrauen, dass der Sommer immer kommt.
Ich wünsche dir, dass du dich an dein Herz erinnerst. Oder besser ich formuliere Fragen.
Erinnerst du dich an dein Herz? Kannst du den Fragen Raum geben, ohne sofort Antworten zu verlangen? Kannst du das Leben so nehmen, wie es gerade ist, und darauf vertrauen, dass der Sommer kommt?
Als ich diesen Blogbeitrag geschrieben habe, habe ich an diese wundervolle Geschichte gedacht, die ich mal gelesen habe.
Von Herz zu Herz, Belinda


