Rituale,  Trauern

Von Kirschen, Liebe und Abschieden

Eine Ära geht zu Ende

Es gibt Erinnerungen, die schmecken. Für mich schmeckt Liebe nach eingekochten Kirschen – süß, fruchtig, mit einem Hauch von Sommer. Diese Kirschen, von meinen Großeltern in der kleinen Schrebergartenkolonie gepflückt, eingekocht mit vier Esslöffeln Zucker, Wasser und ganz viel Herz. Sie waren nie nur eine Beilage zu Grießbrei, sondern ein Stück Heimat, ein Löffel Geborgenheit, ein Zeichen dafür, wie sehr wir versorgt und umsorgt waren. Es war die Sprache der Liebe meiner Großeltern.

Diese Gläser sind mehr als nur Vorräte für mich. Sie sind stille Zeugen einer Zeit, in der Fürsorge noch in Handarbeit konserviert wurde – in Marmeladen, Säften, Sirup aus Johannisbeeren, eingefrorenen Erdbeeren und Erbsen, die den Sommer in den Winter verlängerten. Jede Frucht, jeder Löffel davon war gefüllt mit Zuwendung, Geduld und einer Liebe, die nie viele Worte brauchte oder hatte.

Nun, da mein lieber Opa seit zehn Monaten nicht mehr bei uns ist, spüre ich oft diese Lücke – nicht nur in unserem Alltag, sondern auch tief in meinem Herzen. Es ist mehr als Trauer. Es ist das stille Bewusstsein, dass eine Ära zu Ende geht. Die Ära des Versorgtwerdens durch die Großelterngeneration.

Unser Vorrat an eingekochten Kirschen schwindet, Glas für Glas. Mit jedem Öffnen wird mir klar, dass keine neuen mehr hinzukommen. Diese eingekochte Liebe neigt sich dem Ende zu.

Meine Oma ist noch da. Doch mit 91 Jahren zieht auch sie sich aus diesem liebevollen Ritual zurück. Der Schrebergarten, die Wiege all dieser kostbaren Zutaten, wird nicht mehr bewirtschaftet. Mit ihm geht auch ein Stück gelebter Tradition – ein Ort voller Erinnerungen an meine Kindheit und die einfachen, aber kostbaren Momente des Zusammenseins.

Und doch bleibt etwas. Die Erinnerung daran, wie es sich anfühlte, versorgt zu werden. Die Dankbarkeit für all die Gläser voller Liebe, die wir öffnen durften. Vielleicht liegt die neue Aufgabe nun bei uns: Diese Tradition nicht einfach enden zu lassen, sondern sie in neuer Form weiterzutragen – für uns, für die, die nach uns kommen.

Denn Liebe lässt sich nicht konservieren. Aber sie lebt weiter – in Erinnerungen, in Geschichten, und vielleicht auch im nächsten Glas eingekochter Kirschen.

trau dich zu trauern, deine Belinda

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