Loslassen
Das Wort Loslassen beschäftigt mich schon eine ganze Weile. Ich konnte es bisher nicht so verstehen, dass es mir guttut.
Loslassen = Fallenlassen oder Freilassen?
Es klang so, als müsse man etwas loswerden und irgendwie auch, als würde nach dem Loslassen, wie auch immer das geht, plötzlich alles viel leichter sein. Ich glaube das es in manchen Köpfen auch mit fallenlassen zusammengebracht wird. Wenn du einen Stift zwischen den Fingern hältst, deine Hand mit der Handinnenfläche nach unten drehst und den Stift dann loslässt, lässt du ihn fallen. Wenn du deine Handinnenfläche nach oben drehst und den Stift loslässt, ist es jedoch anders. Du lässt den Stift los, er liegt frei in deiner Hand und dennoch fällt er nicht. Damit konnte ich lange Zeit gehen. Doch, wie das Wort mit dem Heilen von inneren Glaubenssätzen oder Mustern zusammenpasst, das konnte ich weiterhin nicht gut verstehen. Was soll ich loslassen, damit es leichter wird?
Das Thema hinter dem Festhalten
Gott sei Dank bin ich vor weiter Zeit in meinem Leben auf Verena König gestoßen, die das Wissen um Trauma in die Welt bringt und mir schon an ganz wesentlichen Stellen die Augen geöffnet hat. Ihre Sichtweise auf das Loslassen hat mir sehr geholfen.
Sie sagt, dass Loslassen keine Entscheidung, sondern ein Prozess ist und sie sagt, dass Loslassen bedeutet, dass das Thema hinter dem Festhalten Heilung braucht.
Das kann ich so gut verstehen und hat mir eine neue Sicht auf das Wort geschenkt.
Hier ist eine Reflektionsfrage von ihr „Was kann dir Halt und Sicherheit geben, sodass du schrittweise loslassen kannst?“
Das Wortspiel mit dem Loslassen
Da ich Wortspiele so mag, war ich doch auch weiterhin auf der Suche nach einer sinnvollen „im wahrsten Sinne des Wortes“ Aufdröselung dieses Wortes. Ganz nach Rilke habe ich diese Frage nach „dem wahrsten Sinn des Wortes LOSLASSEN“ ziemlich lange liebgehabt. Und vor einigen Tagen kam mir eine Antwort, die mir so unglaublich gut gefällt.
Im Kartendeck „Die Kraft der 144 Schalt- und Machtworte“ von Franziska Krattinger ist auch das Wort Loslassen zu finden. Auf der Vorderseite steht immer ein Wort und auf der Rückseite eine ausführlichere Beschreibung.
Auf der Karte loslassen steht: „Ich LASSE im vollsten Vertrauen LOS, weil ich nun weiß, dass alles richtig ist, wie es ist!“ LASSEN/LOSLASSEN bewirkt, dass alles im richtigen Sinn geschieht. Lasse den Dingen nun ihren Lauf, denn das Leben macht keine Fehler. Du hast mehr als genug getan. Nimm dein LOS an! Ansonsten müsstest du weiter tun, was du nicht LASSEN kannst!“
Dieser letzte Satz hat es mir angetan. So hatte ich das Wort LOSLASSEN noch nicht gesehen. Aber es gefällt mir ungemein.
Wie kann ich die beiden Ansätze verbinden?
Ich habe mich gefragt, wie ich die Sicht von Verena König, die ich ebenfalls so gut verstehen kann, mit der Sicht auf der Karte von Franziska Krattinger zusammenbringen kann.
Vielleicht so:
Verena König: Halt und Sicherheit als Basis des Loslassens
Verena König sagt, dass Loslassen Halt benötigt und ein Prozess ist, der Zeit und innere Stabilität braucht. Die Frage „Was kann dir Halt und Sicherheit geben, sodass du schrittweise loslassen kannst?“ zeigt ja, dass Loslassen nicht aus dem Nichts geschieht. Sondern, dass das Loslassen geschieht oder geschehen kann, wenn man sich sicher genug fühlt, nicht festhalten zu müssen.
Franziska Krattinger: Das LOS und das LASSEN
Das Wortspiel von Franziska Krattinger sagt, dass wir, wenn wir unser „LOS“ annehmen, akzeptieren wir, was ist. „Loslassen“ heißt dann nicht, dass wir etwas loswerden müssen, um dann frei zu sein, sondern das wir den Lebensfluss, so wie er gerade ist, anerkennen. Der Satz „Ansonsten müsstest du weiter tun, was du nicht LASSEN kannst“ heißt für mich, dass du, wenn du nicht annimmst, was ist, und unbedingt Änderung willst, aber noch nicht genug Halt hast, um etwas zu ändern, weiter aus deinen „alten“ Mustern heraus handeln und eben weiter tun musst, was du nicht lassen kannst.
Eine mögliche SynThese
Wenn ich diese beiden Ansätze verbinde, entsteht für mich folgende These
- Das „Thema hinter dem Festhalten“, von dem Verena König spricht, könnte die emotionale oder mentale Belastung sein, die uns an etwas binden lässt. Wenn wir uns mit dieser inneren Thematik beschäftigen und uns selbst Sicherheit geben, entsteht Raum für den nächsten Schritt.
- Das „LOS“ von Franziska Krattinger wäre dann die Situation, die wir akzeptieren, während das „LASSEN“ der aktive Teil ist – das Vertrauen in den Prozess des Lebens und die Aufgabe, nicht länger dagegen anzukämpfen.
„Was kann ich tun, um mir Halt zu geben, während ich mein Los annehme und das Lassen übe?“

Mein neues Bild des Loslassens.
Bisher hatte ich ja das Bild von dem Stift in der Hand.
Ein neues Bild kam mir jetzt.
Wenn ich statt des Stiftes ein Vögelchen in den Händen halte. Dann wäre festhalten, wenn meine Hand geschlossen ist. Fallenlassen ist, wenn ich meine Hand nach unten öffne und ihn fallenlasse, weil er noch nicht fliegen kann.
Tun was ich nicht lassen kann ist, wenn er in meiner geöffneten Hand sitzt und ich unbedingt will, dass er fliegt und ihn immer wieder in die Luft katapultiere, damit er endlich losfliegt. Das ich immer wieder Energie dort hineingebe, weil ich ihn unbedingt loswerden will.
Und Halt geben und Loslassen ist, dass er in meiner Hand sein darf und ich geduldig und in Ruhe bin und das Vertrauen habe, dass er fliegen wird. Eben wenn es so weit ist.
von Herz zu Herz, Belinda


